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Unsere Reise mit dem Frachter – Irgendwas zwischen Liebe und Hass..

View on deck of the Grande Nigeria
Blick vom Deck der Grande Nigeria

Fakten über die Schiffsreise:

  • geplantes Startdatum: 18.12.2018
  • weitere geplante Startdaten: 22.12.2018, 30.12.2018, 10.01.2019
  • tatsächliches Startdatum: 11.01.2019
  • geplantes Ankunftsdatum in Rio de Janeiro: 30.01.2019
  • tatsächliches Ankunftsdatum in Rio de Janeiro: 09.02.2019
  • 26 Crew-Mitglieder und 5 Passagiere waren wir insgesamt an Bord
  • unsere Mitreisenden: Michel aus Frankreich (69 Jahre alt), Florian aus Deutschland (62 Jahre alt), Lesley aus Großbritannien (78 Jahre alt)
  • Zwischenstopps:
    • Le Havre, 13.-15.01.2019
    • Porto, 18.-19.01.2019 (geankert vor dem Hafen für einen Tag → Morgen des 18.01. bis Morgen des 19.01.)
    • Dakar, 24.-28.01.2019 (geankert vor dem Hafen für 4 Tage → Morgen des 24.01. bis Morgen des 27.01.)
    • Vitoria, 05.-08.02.2019 (geankert vor dem Hafen für 2 Tage → Nachmittag des 05.02. bis Abend des 07.02.)
  • Schiffprobleme unterwegs:
    • Gedrifftet wegen Motorproblemen vor dem Hafen von Le Havre nachdem wir diesen verlassen haben: ca. 4 Stunden
    • Gedrifftet wegen Motorproblemen vor der Küste von Dakar nachdem wir den Hafen verlassen haben: ca. 30 Stunden → danach fuhren wir nur noch auf 7 statt auf 8 Zylindern während der ganzen Atlantik-Überquerung wegen einer defekten Einspritzpumpe
    • Ankerung vor dem Hafen von Vitoria, um diese Motorprobleme zu beheben: ca. 50 Stunden
  • Neben Frühstück gab es 2 Mal Essen am Tag, jedes von diesen meistens bestehend aus 3 Gängen und einer Frucht als Dessert.
  • Donnerstag und Sonntag waren etwas besonderes. Deshalb gab es meistens noch mehr und noch ausgefalleneres Essen, z.B. Eis oder einen super heftig süßen Kuchen.

“Oh mann, ist das ein hässliches Schiff…”

Ich riskiere noch einen letzten Blick auf die Grande Nigeria bevor sich unsere Wege nun endgültig trennen werden. Dass wir uns auf kurz oder lang trennen müssen, war uns beiden von Anfang an klar. Aber als ich sie in dem Moment so anschaue, so hässlich sie auch sein mag, fehlte sie mir schon jetzt ein wenig.

Es war eine wahre Hass-Liebe zwischen der großen Dicken und mir. Prompt fällt mir dazu wieder dieser Moment ein, in dem ich gerade über der Railing lehnte und auf den Ozean runter starrte. “Ich könnte doch einfach springen und den Rest da rüber schwimmen. Ist doch gar nicht so hoch und echt, gar nicht so weit.” Wir ankerten gerade vor der Küste Dakars und es war Freitag. Einen Tag vorher sind wir hier angekommen und es war klar, dass wir nicht vor Sonntag in den Hafen einlaufen durften, weil erst noch andere Schiffe vor uns dran waren. Das war so ungefähr das erste Mal, dass ich dachte, ich würde auf diesem riesigen Stück schwimmenden Metall tatsächlich verrückt werden. Ich fange an, das Deck rauf und runter zu laufen und schaue dabei hin und wieder auf die paar Stücken afrikanischen Lands, die man von hier schon erkennen kann. Ein wenig fühle ich mich dabei wie ein Tiger in einem Käfig. Nur ein bisschen dümmer, denn irgendwie war diese Situation ja zu großen Teilen selbstgewähltes Leid. Bevor ich nun also wirklich vom Schiff springe, gehe ich in die Bridge, die Kontrolleinheit des Frachters. Michel sitzt auf der Couch und bastelt gerade wieder an einem seiner Kreuzworträtsel. Als wir uns anschauen, fängt er einfach nur an zu lachen und schmeißt einen Witz über meinen sympathischen Gesichtsausdruck hinterher. Ich muss wohl meine extrem gute Laune sehr gut versteckt haben. Wenigstens muntert mich der Spaß ein wenig auf und ich bewege meine beiden Mundwinkel etwas nach oben, was sowas wie ein Lächeln darstellen soll. Aber zu mehr bin ich nicht wirklich in der Lage. Die Tage davor waren nicht wirklich das, was ich unter Entspannung verstehe und, ehrlich gesagt, auch alles andere als das, was ich mir unter dieser Reise vorgestellt habe.

Aber das ist nur eine der vielen Lektionen, die ich während dieser Schiffsreise gelernt habe: Erwarte nie irgendetwas oder nimm etwas für selbstverständlich hin. Klingt super simpel und es ist auch nicht so, dass ich mir das nicht schon vorher so gedacht habe. Aber so bewusst wie nach den vier Wochen auf diesem Schiff war es mir dann doch noch nicht. Nehmen wir, z.B., Käse. Während irgendwo auf dem Schiff Tonnen an Fisch und Fleisch gebunkert sein mussten, war Käse eine echte Rarität. Wenn es dann doch Käse gab, meist sonntags oder donnerstags als extra Gang, dann wurde dieser als einzelne Scheibe auf einem Teller serviert. Es fühlt sich schon ganz schön seltsam an, eine Käsescheibe mit Gabel und Messer zu essen. Glücklicherweise konnte ich den Koch bei einem der unzähligen Kicker Matches dazu überreden um Käse zu spielen. Sonst hab’ ich gegen ihn meist verloren, weil der Mann einfach wie ein Wahnsinniger spielt. Offensichtlich ist Käse dann doch Motivation genug für mich und ich hab ihn eiskalt fertig gemacht 😛 Dafür gab’s dann 8 Scheiben Käse zusätzlich zum Abendbrot. 8 Scheiben…das reicht normalerweise für einen Snack zwischendurch und musste jetzt geplanterweise mehrere Tage halten. Hat’s natürlich nicht. Zum Frühstück am nächsten Morgen war alles alle. Manchmal geht mir meine nicht vorhandene Selbstbeherrschung ganz schön auf die Nerven. Normalerweise würde ich einfach in einen Supermarkt gehen und nachkaufen. Geht natürlich nicht, denn irgendwie haben es Rewe und Co., zum Glück, noch nicht geschafft ihre Filialen auch auf dem Atlantischen Ozean zu verteilen.

Es ist wirklich interessant, was man alles anfängt zu vermissen, wenn man es auf einmal nicht mehr hat. Hier nur ein paar Beispiele:

  • Kaltes Wasser: Ja, ich meine kaltes Wasser, nicht warmes. Irgendwann zwischen Porto und Dakar, als die Temperaturen begannen zu steigen, bis 30°-40°C, ging auch diese Option beim Duschen irgendwo verloren. Wir haben bis zum Schluss nicht heraus gefunden, was das Problem war, aber von dem Moment an, konnte man entweder 5 bis 10 Minuten lang das Wasser laufen lassen bis es irgendwann mal kalt wurde. Oder man wurde einfach gekocht, denn das Wasser war nicht nur nicht kalt, sondern kochend heiß. Jeder weiß doch wie entspannend eine kochend heiße Dusche sein kann, wenn man völlig verschwitzt vom Laufband runter kommt, das in einem Fitnessraum steht, in dem auch die Luft steht und gefühlte 60°C sind.
  • Stille: Auf einem Frachter ist es niemals still, irgendein Geräusch gibt es immer. Man kann überall Maschinen hören, wirklich ÜBERALL. Wir haben die ersten Nächte nur mit Ohrstöpseln und Musik überstanden.
  • Ein Fenster: Wir hatten eine Innenkabine, also auch kein Fenster. Das ist die ersten Nächte noch in Ordnung. Irgendwann verliert man jedoch jeglichen Bezug zum Tageslicht und weiß nicht mehr, wann oder ob man überhaupt aufstehen soll.
  • Bestimmte Nahrungsmittel: Frisches Gemüse, Bananaaaaa, Süßes, Eis, richtigen Fruchtsaft (nicht das gefärbte Zuckerwasser, das manch einer Fruchtsaft schimpft), Nüsse, …
  • Trinkwasser: Ja, Trinkwasser war auch begrenzt. Anfangs hatten wir zu jedem Mittag oder Dinner zwei 1,5l Flaschen Wasser auf dem Tisch stehen. Also 4 Flaschen für 5 Leute pro Tag…Da braucht’s keinen Adam Riese, um zu ermitteln, dass das bisschen wenig ist. Christian und ich haben deshalb immer mal wieder nach einer extra Flasche gefragt. Als dann die Temperaturen heißer wurden und wir trotzdem versuchten, etwas an Fitness beizubehalten, wurde es langsam kritisch. Nachdem wir fünf uns also etwas beschwert haben, gab’s 3 Flaschen zu jeder Mahlzeit. Etwas später haben wir dann heraus gefunden, dass für jeden Passagier zu jeweils Mittag und Dinner ein Getränk “erlaubt” war. Da die drei anderen jedes Mal eine Flasche Wein bekommen haben, waren die 2 Flaschen Wasser sozusagen für uns beide. Natürlich haben wir das Wasser aber jedes Mal unter allen aufgeteilt. Ernsthaft, wie kann man Alkohol auf ein Level mit Wasser setzen?
  • Irgendeine Form von Ablenkung: Ab Höhe der Kanarischen Inseln fast bis zur Küste von Dakar hat uns ein blinder Passagier begleitet. Ich habe ihn liebevoll Klaus getauft. Klaus ist eine Brieftaube. Ich hätte nie gedacht, dass der Anblick einer Taube mich so freuen würde aber genauso war’s. Wenn man Tag ein, Tag aus immer die selben Menschen sieht und fast exakt den gleichen Tagesablauf hat und das wochenlang, dann freut man sich auch über eine Taube. Vor allem, wenn die so cool und zuträulich wie Klaus ist.
Klaus, the pigeon
Klaus, die Brieftaube

Es gibt auch einige komische oder auch verstörende Dinge, die man während so einer Frachtschiffreise mitmacht, über die ich im Vorraus auch nicht nachgedacht hatte:

  • Das ganze Schiff bewegt sich ständig. Na klar war mir das durchaus bewusst, aber es ist nochmal etwas ganz anderes, wenn man es dann wirklich hautnah miterlebt. Das Laufen auf einem Laufband kann schon mal ein kleines Abenteuer werden, wenn das Schiff zu dem Zeitpunkt gerade bei etwas Sturm durch die Nordsee tuckert. Außerdem rollt man in seinem Bett hin und her. Wenn dann mal eine größere Welle mitgenommen wird, hat man auch schon mal dieses flaue Gefühl im Bauch, ähnlich wie beim Achterbahn fahren. Unser erster Landgang in Le Havre war auch sehr gewöhnungsbedürftig für mich. Ich konnte nicht still stehen bleiben, weil ich ständig das Gefühl hatte, mich zu bewegen.
  • Es gibt Hafenlotsen. Wenn ein größeres Schiff einen Hafen ansteuert oder verlässt, übernehmen Leute, die für diesen Bereich geschult wurden, die Navigation des Schiffes, neben dem Captain. Sie klettern während der Fahrt von einem kleineren Schiff an der Seite des Frachters hinein. Diese Prozedur kann je nach Wetterlage durchaus sehr gefährlich werden und ist definitiv spektakulär mit anzusehen, wobei es regelmäßig zu schweren Unfällen kommt.
  • Abandon-Ship- or In-Case-Of-Fire-Übungen: Als kleine Ablenkung zur alltäglichen Monotonie waren diese Übungen tatsächlich sehr unterhaltsam. Crew und Passagiere hatten ihren Spaß. Allerdings hatten wir auch bis auf die ersten Tage eine dermaßen ruhige Fahrt, dass es Momente gab, in denen man dachte, das Schiff würde sich gar nicht bewegen. Mir ist also während dieser Zeit nicht wirklich der Gedanke gekommen, dass das Schiff wirklich sinken könnte. Jedoch passiert das nicht zu selten. Gerade vor ein paar Tagen ist ein Schwesternschiff der Grande Nigeria, die Grande America, vor der Küste Frankreichs gesunken, weil ein Feuer auf dem Container-Deck nicht gelöscht werden konnte.
  • Müllpolitik bzw. allgemeiner Einfluss auf die Umwelt: Wir durften leider mehr als einmal dabei zuschauen, wie Müll vom Frachter aus einfach in den Ozean geschmissen wurde. Angefangen von kleinen Plastikbechern, die für Kaffee benutzt wurden bis hin zu großen schwarzen Plastikbeuteln. Außerdem scheint es auch normal zu sein, kaputte Waschmaschinen auf diesem Wege zu entsorgen. Zusätzlich wurden auf diesem Frachter tausende Autos von einem Teil der Welt zum anderen transportiert. Sportschlitten und SUVs, alles super umweltfreundliche Autos…nicht. Die Menge an Treibstoff, die jeden Tag verbrannt wird, damit sich der Metallriese ueberhaupt bewegt, lassen wir besser ganz außen vor 🙁
abandon ship exercise
Abandon-Ship-Übung

Dann lieber noch schnell eine Liste mit ein paar positiven Erfahrungen hinterher:

  • Mach mal kurz deine Augen zu und stell dir folgendes vor: Du stehst auf einem Frachter mitten auf dem Atlantischen Ozean. Es ist Nacht, drumherum alles stockduster, ein klarer Himmel voller Sterne über dir. Millionen von leuchtenden Punkten. Alles, was du hörst, sind die Wellen unter dir (und der Motor des Schiffes, aber daran hast du dich schon so sehr gewöhnt, dass du ihn schon gar nicht mehr wirklich mitbekommst :P). Das Schiff schaukelt so schön hin und her, dass es dich beruhigt. Du bist gerade der einzige auf dem Außendeck und weißt, dass für hunderte, vielleicht tausende Kilometer um dich herum erstmal nichts kommt. Dieses Gefühl in genau diesem Moment ist unbeschreiblich.
  • Sonnenuntergänge und noch mehr Sonnenuntergänge. Es gibt das Phänomen des grünen Blitzes, das bei einem Sonnenuntergang passieren kann. In dem Moment, wenn die Sonne zu großen Teilen schon hinter dem Horizont versunken ist und nur noch ein kleiner Teil von ihr sich darüber befindet, kann es sein, dass ein grünes Licht aufleuchtet bevor sie endgültig untergeht. Absolut sehenswerter Anblick!
  • Äquatorüberquerung: Es war das erste Mal, dass wir die südliche Hemisphäre betreten haben und wir haben es per Fuß getan. Naja, fast 😉
  • Der Grande Nigeria Drinking Club, oder kurz GNDC: Ich denke, es war während der zweiten Woche auf See, als wir beschlossen, diesen Club ins Leben zu rufen. Inspiriert wurden wir durch den Reisebericht von jemandem, der so eine ähnliche Reise auch gemacht hatte, nur auf der Grande Angola (https://amzn.to/2XORHtY). Wenn man jeden Tag unter solchen Umständen die gleichen Menschen sieht, dann wächst man schon ziemlich gut zusammen. Wir verbrachten einige unserer GNDC meetings mit dem gemeinschaftlichen Beobachten von Sonnenuntergängen, der Analyse von Sternenbildern und haben uns dabei über teilweise sehr private Themen ausgetauscht, nicht nur untereinander, sondern auch mit ein paar von den Crew-Mitgliedern. Diese Momente waren eine angenehme Bereicherung, vor allem wenn man die unterschiedlichen Altersgruppen, Lebensumstände und auch Sprachen bedenkt.
  • Fliegende Fische und DELPHINE! So cool! Mehr gibt’s dazu einfach nicht zu sagen 🙂
port pilot climbing into the vessel
Hafenlotse beim Betreten des Schiffes
sunset over the Atlantic Ocean
Sonnenuntergang über dem Atlantischen Ozean

Schließlich lässt sich dieser ganze Trip am besten als ein kontinuierliches Auf und Ab beschreiben. Es gab sehr anstrengende Momente, in denen wir einiges in Frage gestellt haben, sogar die Entscheidung für diese Reise. Allerdings haben wir auch eindrucksvolle Persönlichkeiten kennen gelernt und Erfahrungen gemacht, die uns gelehrt haben, gewisse Dinge noch mehr wertzuschätzen bzw. uns auch einiges über uns selbst verraten haben.

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